Portrait Nina Selig

Foto: Dennis Yenmez, Stadt Bochum

Nina Selig hat schon im Studium bei verschiedenen Filmfestivals im Ruhrgebiet gearbeitet. Nach Stationen beim Institut für Bildung und Kunst (IBK) und der Bundesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung (BKJ), hat sie in 12 Jahren als Leiterin das „endstation.kino“ zu einem Ort der kulturellen Filmbildung ausgebaut. Jetzt arbeitet sie in Bochum als Koordinatorin für kulturelle Bildung der Stadt.

1. Wie setzt ihr eure Schwerpunkte in der neugeschaffenen Koordinierungsstelle Kulturelle Bildung der Stadt Bochum?

Zurzeit arbeiten meine Kollegin Barbara Neis und ich an der Erstellung des ersten “Kommunalen Gesamtkonzepts für Kulturelle Bildung” in Bochum. Dies machen wir zusammen mit Kolleg*innnen aus der Stadtverwaltung, den städtischen und freien Kultureinrichtungen, Vermittler*innen und Bildungseinrichtungen. Die Schwerpunkte setzen nicht wir, sondern wir versuchen gut zuzuhören und nehmen auf, was an uns herangetragen wird. Wir bauen gerade unser Netzwerk aus, um auch jungen Menschen zu ermöglichen, direkt ihre Bedarfe und Wünsche im Bereich Kultur bei uns zu platzieren. Diesen engen Kontakt zu jungen Menschen habe ich in meiner Zeit beim Kulturamt Essen gehabt und sehr viel von dieser starken partizipativen Haltung nach Bochum mitgenommen.

2. Woran arbeitest du aktuell?

Die im Gesamtkonzept beschriebenen Vorhaben sind teilweise schon in der Planungsphase und so passiert gerade sehr viel parallel. Zwei Themen stechen allerdings heraus: Die Entwicklung eines Netzwerks zur Stärkung der frühkindlichen kulturellen Bildung in der Kita, in der besonders das Alice-Salomon-Berufskolleg ein toller Partner ist und die Planung eines ersten Jugendfestivals in Bochum. Gemeinsam mit dem Jugendamt entwickeln wir gerade Strukturen für einen Partizipationsprozess, bei dem nicht nur eine konkrete Veranstaltung entstehen soll, sondern junge Menschen die Prozesse des Gesamtkonzepts und der Kulturplanung maßgeblich gestalten. Das Publikum und die Künstler*innen von morgen sind schon da und bereiten ihre Zukunft in unserer Stadt vor.

3. Wie lässt sich das Thema kulturelle Bildung an Schulen strategisch angehen?

Diese Frage kann ich nur utopisch, losgelöst von den nicht vorhandenen Geldern, beantworten: Ich sehe eine große Chance in der Entwicklung von Räumen, die das Leben in der Schule nicht nach Unterricht und Ganztagbetreuung trennt, sondern beide Systeme über kreative Nutzung zusammenführt. Diese Räume sollten auch für die Nachbarschaft geöffnet werden und Schulen als Orte des Miteinanders, des Engagements, der Begegnung stärken. Künstler*innen sollten gleichberechtigt Teil von multiprofessionellen Teams sein, auch in den weiterführenden Schulen und in Berufskollegs. Kulturelle Bildung könnte Teil des Lehrplans in der Erzieher*innenausbildung und der Lehrer*innenausbildung werden und schon da könnten die Vernetzungen zu Kultureinrichtungen und Künstler*innen beginnen.

4. Was hat sich für dich aus der Fortbildung „Fäden in der Hand“ entwickelt

Ich habe tolle Kolleg*innen kennengelernt und im Austausch haben wir immer wieder festgestellt, wie sehr sich doch die meisten Herausforderungen vor Ort ähneln. Mit einigen Kolleg*innen aus dem Ruhrgebiet wollen wir deshalb ein interkommunales, reisendes Veranstaltungsformat zu Themen der kulturellen Bildung entwickeln. Aber auch bei kleinen Fragen des Berufsalltags sind wir eng im Austausch, auch mit der Arbeitsstelle “Kulturelle Bildung NRW”.

5. Du kennst beide Welten: freie Szene und kommunale Ebene. Wo siehst du das Potenzial, das sich daraus ergibt?

Das größte Potenzial ist gleichzeitig auch das traurigste: Ich bin sehr gut in der Formulierung von Förderanträgen, denn leider müssen wir auch in der Kommune gucken, woher das Geld kommt. Außerdem weiß ich, unter welchen prekären Bedingungen Vermittler*innen und Künstler*innen größtenteils arbeiten und welche Verantwortung kommunale Planer*innen haben, im Rahmen des Möglichen diese Situation zu verbessern. Meine Heimat ist die kulturelle Filmbildung und ich habe gerade in der Zusammenarbeit von fantastischen Vermittler*innen, Erzieher*innen, Eltern und Kita-Kindern so viele tolle Projekte erlebt, dass ich weiß, warum die Beziehungsarbeit so wichtig ist und sich der Aufbau nachhaltiger Strukturen für kulturelle Bildung lohnen.