Portrait_BG

Foto: Thomas Schaekel

Bassam Ghazi ist freier Regisseur, Stadtdramaturg und Diversitätstrainer. Er pendelt zwischen den Kulturen und Perspektiven und betreibt Handel mit post*migrantischen Geschichten und Geschichte.

1. Für uns bist du vor allem als Regisseur sichtbar: Wie bist du zum Theater gekommen?

Alles andere als üblich. Im Jahr 2000 war ich in Südamerika auf Reisen. In Bolivien habe ich einen Schweizer Theatermacher kennengelernt. Er hatte außerhalb der Stadt ein soziokulturelles Zentrum für Straßenkinder aufgebaut. Hier konnten die Kinder und Jugendlichen wohnen, zur Schule gehen und Theater machen. Mit diesem Projekt hatte er es geschafft, Kinder und Jugendliche von der Straße zu holen und sie fürs Theater zu begeistern. Mit ihren Theaterauftritten konnten sie ihren Lebensunterhalt bestreiten.

Ich habe selten so selbstbewusste, mutige und energiegeladene junge Menschen erlebt. Theater wurde zu ihrer Lebensexistenz. Diese Begegnung hat mich nachhaltig beeindruckt und so habe ich mich in die Theaterwelt reingestürzt.

2. Gibt es eine*n Wegbegleiter*in, der dich persönlich besonders geprägt hat?

Die Liste meiner Role Models ist erstaunlich lang. Semra Ertan, Charlie Chaplin, Apsilon, Fairuz, Jean Claude Izzo, Declan Donnellan, Mely Kiyak … Aber am Ende bringt es Audre Lord auf den Punkt: „Nicht Unterschiede lähmen uns, sondern Schweigen.“

3. Postmigrantisches Theater ist einer deiner Schwerpunkte. Was bedeutet das konkret für dich?

An der Schnittstelle zwischen persönlicher und kollektiver Erfahrung untersuche ich mit meinen Ensembles Geschichten in einer Gesellschaft der Vielen.
Mein größtes Anliegen ist es, eine Sicht- und Hörbarkeit für fehlende post*migrantische Geschichten am Theater zu schaffen. Es geht mir um Repräsentation und darum, welche Geschichten von wem erzählt werden. Es geht mir darum, andere und empowernde Geschichten und nicht die stereotypischen ›single stories‹ über marginalisierte Gruppen zu zeigen.

Und solange diese Geschichten nicht zu einer selbstverständlichen Normalität geworden sind auf deutschen Bühnen, will ich das auch explizit als post*migrantisch benennen, um auf die Leerstelle hinzuweisen.

4. In deiner Rolle als Trainer: Inwieweit siehst du Theater als Türöffner für sensible gesellschaftliche Themen wie z. B. Diskriminierung, Empowerment, Klassismus …?

Theater ist für mich eine unermüdliche Suche nach einer gemeinsamen Sprache, einer gemeinsamen Geschichte, einer gemeinsamen Begegnung. Theaterprozesse sind für mich Gestaltungsräume, um Verbundenheit und Gemeinschaft zu schaffen. Ich glaube, dass die Kraft des Theaters gerade bei den schmerzhaften Themen wie Diskriminierung und Rassismus befreien, trösten und ermutigen kann. Wir treten an die eigenen Abgründe, brechen das Schweigen und erleben die Kraft des Sprechens als Akt der Befreiung. Aus diesem Schmerz wächst eine Resilienz, sich an der Wirklichkeit abzuarbeiten und Trost und Hoffnung mit dem Publikum zu teilen.

Und wenn am Ende eine individuelle Geschichte zu einer kollektiven Geschichte wird, dann bekommt das Theater eine unvergleichbare Kraft, eine Magie, die ein Einzelner niemals erreicht hätte.

5. Was reizt dich am meisten an der Theaterarbeit mit jungen Menschen?

Ich habe erlebt, wie aus Stimmen des Schmerzes, empowernde Stimmen geworden sind. Und ich habe erlebt, wie junge Menschen sich selbst künstlerisch entdecken und beginnen, eigene Ideen zu verwirklichen. Die Motivation ist meist eine existenzielle Dringlichkeit, die eigenen Geschichten, die Geschichten der Eltern und Großeltern zu erzählen. Der Moment, wenn aus der Ohnmacht des Nichtsprechens ein Sprechen wird und unsere Tattoos sichtbarer und spürbarer werden, ist einmalig.

In jedem Theaterstück lerne und verlerne ich in der Zusammenarbeit mit meinen Ensembles einiges. Diese kollektiven Prozesse sind manchmal anstrengend, aber eröffnen unbedachte Perspektiven und schenken Kraft und Hoffnung und vor allen Dingen Widerständigkeit in einer polykrisen Welt.